KALENDA MAYA



I

Getragen vom sonoren Basston im Dunkel des Raums erscheint Parzivals Tagtraum als Vorahnung auf seinen späteren Besuch auf der Gralsburg. Hildegards Musik O tu illustrata erscheint, füllt den Raum. Die Zeitreise beginnt.

Im Wechsel mit live gespielter und gesungener Musik aus dem Hochmittelalter und szenisch eingewobenem Bildmaterial aus jener Zeit, entwickelt sich die kleine Parzivalepisode, die sich als roter Faden durch die Aufführung zieht.

Sie beginnt nach Parzivals folgenschwerer Nacht auf der Gralsburg Munsalvaesche. Durch das Ausbleiben der alles entscheidenden Frage nach dem Befinden seines Gastgebers, des schwerkranken Gralskönigs Anfortas, verwirkt er seine Bestimmung als Retter in der Not und zukünftiger Gralskönig. Anfortas leidet weiter, Parzival verliert seine Ehre.

Verzweifelt nimmt er zur Kenntnis, dass die Leute vom Hof alle weg sind. Wütend und beleidigt verlässt er die Burg.

Der Wehlaut einer Frau lässt Parzival während dem Ritt durch die Gegend aufhorchen. Er führt ihn schliesslich zu einer Linde, in deren Astgabel sich eine Frauengestalt mit einem Leichnam im Arm zeigt. Urplötzlich erhebt sich das vierstimmige Monument von Perotin. Das Chorwerk beschliesst den ersten Teil. Es endet im Dunkel.


II

Eine friedliche Atmosphäre prägt den Anfang des zweiten Teils. Zum Sonnengesang von Franz von Assisi tanzt Parzival. Langsam verdüstert sich die Szenerie. Ein weiterer Gesang von Perotin setzt ein und führt uns zurück ins verlassene Waldstück zu Parzival und der Frau in der Astgabel – Sigune.

Die folgenden Dialoge der beiden vertiefen sich allmählich. Schon im Ersten erkennt Sigune ihren Cousin Parzival.

Sigunes Monolog ist eine schwärmerische Lobrede an Parzival. Sie ist sich aber nicht sicher, ob er die entscheidende Frage gestellt und damit König Anfortas von seinem Leiden erlöst hat.

Der zweite Dialog thematisiert die Anwesenheit des Leichnams in ihrem Arm, welcher offenbar ihr verstorbener Geliebter ist, mit dem sie in Treue weiterhin ihr Leben verbringt.

Im nächsten Gespräch bahnt sich, mit einem unbeabsichtigten Seitenhieb an Parzival, der unheilvolle Ausgang der Ereignisse an.

Der Schlussdialog klärt;

Parzival hat nicht gefragt!

Sigune verstummt. Ihr Bild des heroischen und edlen Parzival bricht in sich zusammen. Totaler Ernüchterung folgen Wut und Verbitterung.

Er hat versagt!

Ihre Vergötterung weicht abgrundtiefer Verachtung.

Zum Teufel mit ihm!

Gekränkt und beschämt verlässt Parzival den Ort des Geschehens. Noch während der Schlussworte des Erzählers beginnt die Musik des Troubadour Raimbaut de Vaqueiras: Kalenda maya.